"Wir wollen
die Musik
zurück auf den
Fernsehschirm
bringen"
Lars Dittrich (l.) und
Conrad Fritzsch, Tape.tv
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Kling, klang, knirsch
Mehr Zuschauer, längere
Verweilzeiten - Web-Musikvideo-anbieter
wie Tape.tv
wittern Morgenluft. Doch
mächtige Konkurrenz aus
den USA sowie hohe Lizenzkosten können die Projekte
scheitern lassen
THOMAS WENDEL
Leute wie Lars Dittrich könnten
es eigentlich ruhig angehen
lassen: Der Mittdreißiger
hat schon ein Vermögen gemacht mit
dem Aufbau der Handyladenkette
Dug, die von Debitel aufgekauft
worden ist. Doch nun steht
Dittrich fast jeden Morgen in einem
Industrieloft in Berlin-Weißensee.
"Ich will noch einmal richtig angreifen",
sagt der Selfmademan.
Angreifen möchte Dittrich mit
dem Musikvideoportal Tape.tv. Bei
dem Startup des Berliner Werbeunternehmers
Conrad Fritzsch, 40,
hat der Ex-Debitel-Vorstand kürzlich
das Gros der Geschäftsanteile
und den Aufsichtsratsvorsitz übernommen.
Es ist ein gewagtes Millioneninvestment.
Schließlich wollen Fritzsch und Dittrich etwas erreichen,
was bislang noch niemand
geschafft hat: aus einem werbefinanzierten
Musikvideoportal im
Web ein lohnendes Geschäft machen,
auch in Konkurrenz zu MTV
und Viva. An dem Versenden
("Streaming") von Musikvideos im
Internet haben sich nämlich bisher
viele die Finger verbrannt. Grund
sind die hohen Lizenzabgaben,
die von den
einschlägigen Portalen
wie Myvideo oder Youtube
an Rechteverwertungsgesell-schaften
wie die deutsche Gema
sowie an die Musildndusrrie
gezahlt werden
müssen.
Dabei schalten immer
mehr Deutsche die
Musikvideoportale an:
65 Prozent der 50 meistgesehenen
Streifen beim Markrführer, der
Google-Tochter Youtube. sind inzwischen
Musikvideos. Bei der
Nummer drei auf dem hiesigen
Markt, Tape.tv, schauen inzwischen
700 000 lntemetnutzer jeden Monat
herein - und bleiben im Schnitt
30 Minuten auf der Videoseite.
Dass in dem Markt inzwischen
Musik steckt, erkennen auch andere.
So erwägt der Intemetradiosender Last.fm, sein Geschäftsmodell
eines werbefinanzienen personalisierbaren
Radios auch auf Musikvideos
auszudehnen. Mit der Plattform
Vevo ist überdies in den USA
ein mächtiger Wettbewerber entstanden:
In Kooperation mit Voutube
haben dort die Musikmajors
Universal, EMI und Sony ihre eigene
Musikvideoplartform gestartet,
eine Ausdehnung des Dienstes
nach Europa ist nur eine Frage der
zeit. Er wolle ein groß angelegtes
Netzwerk" passionierter Musikfans
im Web aufbauen, das für Topmarken
ein Werbeumfeld schaffe,
kündigte Vevo-CEO Rio Caraeff im
lntemetfachdienst Paidcontent an.
Doch Experten sind skeptisch. "Es ist wahnsinnig schwer, in diesem
Geschäftsfeld erfolgreich zu
sein", sagt Ralf Plaschke von der Kölner Firma Popdata. In Deutschland
seien die Lizenzforderungen
der Gema durch "werbebasierte
Angebote nicht zu finanzieren".
Um Lizenzen und andere Aufwendungen
einzuspielen, müssten die
Webportale Tausenderwerbekon-takte
für 30 € und mehr verkaufen,
schätzt Plaschke - realistisch seien
in vielen Fällen aber nur 2 bis 3 €.
Bei der Gema weiß
man um das Problem,
die Lösung lässt auf sich
warten. Die Urheber Komponisten,
Liedertexter
und Musikverlage
- fürchten, das eine
deutliche Absenkung
der Lizenzkosten für
Streamingseiten dem
Einzelverkauf von Musik
im Internet schadet.
Tape.tv-Chef Fritzsch
glaubt trotzdem, die Erfolgsformel
gefunden zu haben:"Wir wollen die
Musik zurück auf den Fernsehschirm
bringen." Statt auf den Einzelabruf
von Videos setzen die Berliner
auf eine redaktionell betreute
Musikvideoschleife, die von den
Nutzern nach ihrem Musikgeschmack
zu einem persönlichen
Berieselungsmedium umgebaut
werden kann. Kleiner, aber womöglich
rechtlich wichtiger Nebeneffekt:
Das Tape.tv-Angebot ähnelt
so immer mehr einem klassischen
Femsehprogramm - und dort richtet
die Gema ihre Lizenzgebühren
lediglich an den Umsätzen aus.
Fünf bis zehn Prozent Umsatzanteil
wären angemessen, sagt Fritzsch.
Doch selbst eine solche Regelung
würde Musikvideo-Webseiten in
Deutschland noch nicht zu Selbstläufern
machen, befürchtet Plaschke.
Vielmehr drohten Anbieter wie
Tape.tv von der übermacht von
Youtube oder Vevo zerquetscht zu
werden. Gegen die US-Größen
würden es die "national geprägten
Anbieter'" schwer haben.
Tape.tv-Investor Dittrich jedoch
ficht das nicht an. Nächstes Jahr soll
erstmals die Gewinnschwelle erreicht
sein. 2011 werde das Musikportal,
so hofft er, 40 Mio. € umsetzen.
Die Erlöse sollen dann auch
aus dem Ausland stammen: Für die
Schweiz, Österreich sowie Frankreich
und Großbritannien wollen
die Berliner demnächst auch mit
speziellen Angeboten im Web auf
Sendung gehen - mit einem Programm,
das redaktionelle Mitarbeiter
zusammenstellen sollen und
eben nicht Suchalgorithmen einer
Webseiten-Software. "Die Maschinen",
glaubt Fritzsch. "werden
nicht die Macht übernehmen."
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