Conrad Fritzsch auf der Dachterrasse
seines Unternehmens in
Berlin-Weißensee
FOTO: MASSIMO RODARI

Gegen eine Gebühr bleibt der
Bildschirm des Videoclip-Senders
tape.tv auch werbefrei.
Sonst ist diese am Bildschirmrand
sichtbar
|
Harte Konkurrenz für MTV und Viva
Berliner Jungunternehmer sieht tape.tv schon bald in der Gewinnzone
Von Sören Kittel
BERLIN – Die Umgebung ist alles andere
als hip: In der Gegend um die
Langhansstraße in Berlin Weißensee
heißt eine Bar „Hai Society“, das
Restaurant „Osseria“ bietet nur ostdeutsche
Küche und in einer Diskothek
ganz in der Nähe wird die
„Zins-Party“ gefeiert. Das heißt: Jeder
Drink, den man sich vor 23 Uhr
bestellt hat, bekommt man nach
zwei Uhr noch einmal gratis ausgeschenkt.
Conrad Fritzsch, Chef des Internet-
Startups „tape.tv“ ist ganz froh
über diese Umgebung. „Wir wollten
dahin, wo das wirkliche Leben ist“,
sagt der 39-Jährige. „Hier geht’s
auch ohne Berlin-Mitte-Chichi.“
Das wichtigste für das Unternehmen
ist schließlich eine stabile Internetverbindung.
Und die funktioniert im Nordosten
Berliner in der Regel sehr gut.
Wer „tape.tv“ in den Browser eingibt
und „Enter“ drückt, muss danach
eigentlich nichts mehr tun als
Zuschauen. Einmal aufgerufen
spielt die Webseite schlicht ein Programm
ab. Musikvideo folgt auf
Musikvideo, aktuelle Hits, aber
auch Klassiker. Mika, Robbie Williams,
Madonna aber auch Rosenstolz
und Blumfeld.
Wer will, kann noch mit wenigen
Mausklicks die Musikauswahl personalisieren.
Dann läuft eben mehr
Rock, mehr Hip-Hop, mehr deutsche
Musik. Zuschauer schauen im
Schnitt mindestens eine halbe Stunde
lang den Internet-Sender, der
bisher nur in Deutschland zu empfangen
ist.
Die insgesamt 15 Mitarbeiter, die
in den Büros im obersten Stockwerk
eines Hinterhof-Gebäudes arbeiten,
sehen selbst ein wenig aus, wie man
sich die Zielgruppe eines Musiksenders
vorstellt: Bunte T-Shirts, Jeans
und Turnschuhe.
Doch Experten für Popkultur
müssen sie auch sein – denn sie nehmen
Einfluss darauf, welche Videos
häufiger im Programm laufen. Sie
verschlagworten die einzelnen
Clips nach verschiedenen Kriterien
und sorgen so letztlich dafür, dass
„nicht der User die Musik findet,
sondern die Musik den User“. So zumindest
drückt es Conrad Fritzsch
aus. Auf rund 17 000 Videos unterschiedlichster
Künstler können die
Mitarbeiter – und die Zuschauer –
zugreifen, Tendenz steigend.
Begonnen hat es vor rund zwei
Jahren. Der Werbe-Fachmann
Fritzsch kam auf die Idee für den Internetsender.
„Ich merkte“, sagt er,
„dass ich noch immer gern Musikvideos
sehen wollte, aber es keine
Sender mehr dafür gab.“ In der Tat
zeigen die ehemals klassischen
Spartensender MTV und Viva eher
Reality-Shows, nur noch unterbrochen
von Werbung für alles Mögliche.
Schwierig war ein gutes Finanzierungskonzept
zu finden. „Und da
merkten wir, dass wir gleichzeitig
eine neue Werbeform erfinden
mussten.“ Das sogenannte 360 Grad
Motion Ad sollte die ständige Unterbrechung
durch Werbefilme auf
lange Sicht ablösen. 360 Grad heißt
in diesem Fall, dass sich zusätzlich
während ein Video spielt, um den
kleinen Bildschirm herum eine bunte
Animation aufbaut – der Film
wird nicht unterbrochen, aber an allen
Rändern umgeben von Werbung.
Im Idealfall ist diese noch inhaltlich
auf das Video abgestimmt
ist. Das heißt: Wenn das Musikvideo
Schwarzweiß ist, passt sich die Werbefläche
daran an. Rund um den
Bildschirm wird die schwarze Fläche
mit weißer Farbe effektvoll
„übergossen“. Erst nach einigen Sekunden
erscheint in einer Ecke des
Schirms eine Bierflasche. „Markenentertainment“
heißt diese Form
der Werbung. Neben diesen beiden
Methoden gibt es noch eine dritte
Einnahmequelle: Die Zuschauer
und Unternehmen, die Geld dafür
zahlen, dass auf ihrer Webseite oder
zu Hause das Tape-Programm werbefrei
zu sehen ist.
Der Firmengründer ist mit der
derzeitigen Bilanz ganz zufrieden.
„Wir wollen langsam wachsen“,
sagt er über das zwei Jahre alte Unternehmen.
Das derzeitige Wachstum
der Nutzerzahlen von rund 30
Prozent monatlich macht ihm Mut.
Schwarze Zahlen hat er schon für
Frühjahr 2010 angekündigt. Der Musikmarkt
jedenfalls hat schon reagiert.
„Immer mehr Labels überlassen
uns die Videos und lassen sie
auf Youtube sperren“, sagt der Berliner.
In Kürze wolle er eine weitere
Erweiterung des Programms veröffentlichen.
Der Relaunch soll einen
weiteren Schritt in Richtung vollwertiger
Musiksender gehen, mit
leicht zugänglichen Hintergrund-
Infos zu jeder Band. „Auch redaktionelle
Hintergrundbeiträge und Formate
sollen dann eine Rolle spielen.“
An kreativen Ideen jedenfalls
mangelt es nicht. In Berlin befinden
sich die TV-Macher damit in guter
Gesellschaft – das zeigte nicht zuletzt
der Branchentreff der Musikexperten
„All2gethernow“ vor einigen
Wochen.
Dort stellten sich noch andere
Berliner Musik-Startups vor: Hobnox,
Nativeinstruments und Soundcloud
sind nur drei Beispiele von
erfolgreichen Berliner Musik-Vermarkter.
Sie zeigen, wie trotz dramatisch
eingebrochener CD-Verkäufe
die Branche im Internet
Gewinne erzielen kann. Große Portale
wie iTunes und Music8load bieten
zwar Songs zum legalen Herunterladen
an – doch bleiben sie wirtschaftlich
bisher weit hinter ihren
Erwartungen zurück. |