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REBOOT CLIP-TV
PERSPEKTIVEN & NEUE FORMATE
Was ist eigentlich aus dem Musikfernsehen geworden? Wo findet Musikfernsehen
demnächst statt, und wie? Ein scheinbar in der Versenkung verschwundenes PopLeitmedium
der Boer und goer orientiert sich neu. Darüber haben wir mit Kennern der
Branche am runden Tisch diskutiert: Daniel Harder, Regisseur zahlreicher Videos von
Peter Fox, Beatsteaks oder Sido, Mark Sikora, früherer WahWah- und Zwobot-Macher
bei Viva2, Tobias Dettling Forschungschef bei MTV Deutschland und Nordeuropa und Conrad Fritzsch, Erfinder des Online-Musikvideosenders Tape.tv.
VonJi-HunKim
Debug: Wie seid ihr zum Musikvideo gekommen?
Daniel Harder: Ich bin seit 2001 Musikvideoregisseur.
Gan2früher war ich DJ, bin dann aber darauf
gekommen, dass ich was Visuelles machen will. Also
habe ich imFilmbereich alle möglichenJobs gemacht,
vom Fahrer über Location Scout, Ausstatter bis zu
Aufnahmeleiter und Regie-Assi. Dann habe ich klein
als Produzent angefangen und bin schließlich bei der
größten Klitsche gelandet, der DORO. Das war eine
geniale Zeit.
Debug: Dawarst du aber dezidiert Produzent?
Harder: Produktionsleiter. Man kriegt ein Projekt,
also Regisseur, Treatment, so und so viel Kohle. Ich
habe geguckt, dass das Geld zusammenbleibt und
alle wieder heil nach Hause kommen. Wenn ich eine
halbe Million Mark aufTasche hatte, war es mir auch
recht, mitModern Talking in Südafrika zu drehen.
Mark Sikora: Ich habe mit Bildern angefangen,
dann Plattencover für Bands wie Napalm Death,
Cryptic Slaughter gestaltet. Über Fan2ines und die
Spex bin ich bei der VIVA-Sendung WahWah gelandet,
erst als redaktioneller Mitarbeiter und dann als
Redakteur und Produzent. Aus WahWah wurde später
Wah', danach kamZwobot, eine Art Puppenshow
bei VIVA 2, die auch bis zumEnde im Programm war.
Irgendwann war zum Thema Musik-TV alles gesagt
und getan, VIVA 2 dankte ab, und ich war glücklich
aus derNummer raus.
Debug: TV ist nichts für dich?
Sikora: Mit Sendungen wie Tracks werde ich nicht
richtigwarm. Interessant, aberwie die mit ihren Budgets
umgehen, macht mich wütend. Musikfernsehen
hat auch viel mit dem Tonfall zu tun und die reden
gerne von oben herab zum Publikum. Interessant
könnte es werden, wenn sich die Öffentlich-Rechtlichen
ein bisschen mehrum das Musikfernsehen kümmern
würden. Für Formate wie Rockpalast haben
sie einen Kran und siebzehn Kameras, nur merkt das
keine Sau, weil sie es Sonntagnacht senden.
Tobias Dettling: Ich bin seit 2000 bei MTV und
inzwischen Forschungschef von MTV Networks
Deutschland und Nordeuropa. Vorher habe ich
Mathematik studiert und in einer Werbeagentur gearbeitet.
Debug: Was macht der Forschungschef von
MTV?
Dettling: Zum einen Programmforschung. Wie
kann ich TVso machen, dass mehrLeute zuschauen? Wir sind ein werbefinanzierter Sender, da interessiert
die Masse. Spätestens seitdem wir in die GfK gegangen
sind, um Quoten zu ermitteln. Früher war das
relativ gemütlich, einmal pro Jahr kam die AWA raus,
einmal lag MTV vorne, das nächste Jahr VIVA. Man
konnte noch sehrviel überImage verkaufen, da wares
wichtig Profil zu zeigen.
Debug: Also dass, was seit Jahren fürs Web gepredigt
wird: Qualität statt Clicks, wer guckt und
wie lang?
Dettling: Das ist zum Teil immer noch so, denn
über die Dauergeneriert sich auch die Reichweite.
Sikora: Bei VIVA 2 war die Ansage: Macht ein gutes
Programm und kümmert euch nicht um den Rest.
Weshalb irgendwann die Kommunikation zwischen Werbeabteilung, Verkauf und Redaktion nicht mehr
richtig funktionierte, was wohl das Ende beschleunigthat.
Dettling: Wir machen auch Grundlagenforschung.
Etwa um zu wissen: Was erwarten Zuschauer zu
unterschiedlichen Tageszeiten. Welche Aufmerksamkeitsschwelle
haben sie morgens? Was ist entscheidend,
Bild oder Ton? Oder die Musikprogrammierung:
Kann man zuerst HipHop auszustrahlen
und anschließend Rock? Das ist nämlich irrelevant.
Debug: Wie wichtig ist heute das Web?
Dettling: Das spielt eine zunehmende Rolle und es
ist ein Wettbewerbsvorteil von MTV und VIVA gegenüber
vielen anderen Anbietern, die nur Netz oder
nurTV machen. Die Strategie vonMTVNetworks ist
es, die Zielgruppe auf allen Plattformen möglichst
optimal zu erreichen.
Sikora: Aberes gab doch eine Zeitlang diese MTVEurope-
Ausrichtung. Bei MTV London war das Programm
ganz anders als in den USA - viel witziger,
ironischer, mit tollen Figuren wie Ray Cokes.
Dettling: Es gab vier Entwicklungsschritte bei
MTV: Der erste war: One World, One Music, One
MTV. Der zweite Schritt war die Lokalisierung des
Programms. So bekam MTV Deutschland eine eigene
Lizenz und einzelne gut finan2ierte Eigenproduktionen.
Die dritte Stufe kam mit der wachsenden
Bedeutung des Internets. Man erkannte, dass es für
die Jugendlichen, unsere KeTn2ielgruppe, eine entscheidende
Rolle spielt, also hat man entsprechende
Plattformen um MTV und VIVA entwickelt. Die aktuelle
vierte Stufe könnte man unter dem Schlagwort "Glokalisierung" zusammenfassen. Man nutzt in den einzelnen Regionen neben den eigenen Ressourcen
die Stärke des internationalen Networks und strahlt
verstärkt auch Sendungen aus, die bereits fertig produziert
vorliegen.
Sikora: Geht MTV generell wieder zu Musikformaten
zurück oder betrifft das nur das Netz und im
Fernsehen bleiben die Teenie-Fomate?
Dettling: Die Entwicklung läuft parallel. Angefangen
hat es ja tatsächlich mit einem reinen ClipSender,
der genialen Idee, aus den Werbeclips der
Musikindustrie einen Sender zu machen.
Sikora: Ist auch preisgünstig.
Dettling: Für die Senderproduktion, ja. Du hast
einen unglaublich hohen Production Value, denn in
die drei, vier Minuten wirdja ganz schön Geld reingesteckt.
Conrad Fritzsch: MTV hat eine Generation geschaffen,
eine Faszination und eine Gemeinschaft.
Bei Musiksendungen haben 30.000 Leute zugeguckt.
Aber dann hat jemand gesagt: nWir hätten gerne
50.000." Wie erreicht man in der individualisierten
Gesellschaft 50.000 Leute? Mit Lifestyle! Aber damit
verliert ihr eure Musik-Kernkompetenz. Mit Effizienz
kann man diese Krise nicht bewältigen.
Dettling: Ein entscheidender Faktor ist: Über die
Verweildauer generiert man die Menge. Ich halte bei
einem Halbstundenformat Leute länger dran als bei
einemMikroformat, wo manalle dreiMinuten wieder
neu entscheiden muss, ob einem derSonggefällt. Das
ist der Fluch des Erfolgs: Wir sind ein kommerzieller
Sender, der zu einem börsennotierten Unternehmen
gehört. Da ist es entscheidend, was am Ende wirtschaftlichfunktioniert.
Fritzsch: Ich habe nach der Wende in Potsdam
Regie studiert, und 1993 eine Werbeagentur gegründet.
Weil wir aus dem Osten waren, haben wir großen
Marken erklärt, wie Konsum in den Neuen Bundesländern
funktioniert. Über ein Projektfür eine MTV Oper
bin ich dann zur Beschäftigung mit Musikfernsehen
gekommen: Wie muss Musikfernsehen heute
aussehen? Pandora und Lastfm machen so was ähnliches.
Tape.tv ist so einfach wie Fernsehen, nicht
komplett digitalisiert, aber mit Redaktion. Dazu haben
wir ein neues Werbeformat entwickelt, das parallel
zum Musikvideo läuft, ein Bewegtbildbanner, 360
Grad. Im Internet bekommen die Leute durch Individualisierung
wieder das, was sie eigentlich wollen.
Und Musik ist was Tolles. Musikvideos können auch
wieder geil werden. Vor zwanzig Jahren brauchtest
du 30.000 Euro. Heute brauchst du fünf gute Freunde
und 3.000 Euro.
Debug: Daniel: 3.000 Euro, eine gute Idee und
fünf Freunde, geht das überhaupt?
Harder: Irgendwie schon, aber als Regisseur kann
ich nicht zwanzig solcher Low-Budget-Produktionen
machen. Das erste Video von Wir Sind Helden hat
3.000 Euro gekostet. Mit einer Snapcam fotografiert
und zusammengepappt. Es hat funktioniert. Aber
diese Ideen liegen nicht auf der Straße. Und professionell
davon zu leben, wäre schwierig.
Fritzsch: Man muss jetzt genau gucken, was
passiert. Die Labels haben einfach nicht die Kohle.
Aber 2010 soll der Turnaround mit MP3-Downloads
kommen. Und wenn sich das skalieren lässt, wird es
eine Geldmaschine für die Labels. Wir verdienen pro Video auch schon richtig Geld mit dem neuen Werbeformat.
Oder Marken zahlen direkt für Musikvideos,
wie in Thailand: Da ist ein harter Cut und plötzlich
haben alle Red-BuIZ-Jacken an und tanzen weiter. In
Europa würde das nie klappen.
Debug: Wir haben bisher stillschweigend vorausgesetzt,
die Musikvideo-Produktion befinde
sich in einer Krise. Wie schlimm steht es wirklich?
Harder: Im Vergleich zu 1999 sind die Budgets auf
50 Prozent geschrumpft. In denNeunzigern waren für
ein Standard-Musikvideo 80.000DM üblich, auch für
eine Euro-Dance-Single. Dafür gab es einen Drehtag
und ein bisschen Schnickschnack. Es wurde noch auf
Film gedreht, das hatte schon Hand und Fuß. Alles
drunter war Low Budget. Wenn heute einer vierzig
Mille auf den Tisch packt, ist das wahnsinnig viel
Geld. Das können sich nur noch ein paar leisten.
Debug: Wie viel von den 80.000 ist bei irgendwelchen
überbezahlten Leuten hängengeblieben? In
der Werbung gab es ja in den 90ern völlig überzogene
Traumrenditen.
Fritzsch: Die Renditen waren bei Musikvideos nie
so wie in der Werbeproduktion.
Sikora: Ich muss mal nachhaken. Es kommt der
Eindruck auf, dass jeder Musiker ein Video braucht.
Aber brauchen kleinere Bands wirklich Videos? Gerade
aus dem elektronischen Bereich haben die Videos
vielen gar nicht gut getan, weil die Klammer zwischen Anspruch
und Etat zu groß war. Bei Chris Cunningham
und Aphex Twin hat es funktioniert, sonst
oft nicht. Musikfernsehen kann ja Künstlern auch
das Geheimnisvolle nehmen. Wenn man Black Sabbath
mochte, waren die Osbournes zwar lustig, aber
auch schwierig.
Harder: Es gibt doch drei Formen von Videos:
Entweder hat man eine geile Idee, oder man hat Geld
wie die Ami-Rapper, die immer fünf Hubschrauber
mehr brauchen. Und dann die Zwischenlösung, die
nie richtig falsch und nie richtig richtig ist: Ich stell
meineBand irgendwo hin und lass sie perfomen. Und
ich kenne genug Leute, denen das die liebste Form
ist.
Debug: Wir sollten über den Stellenwert von Videos
reden. In den goern war es oft wichtiger als
der Track: Spike Jonze, Cunningham ... "Praise You"
von Fat Boy Slim war eher ein lustiges Video mit
Musikuntermalung. Teenager haben Stunden auf
ein bestimmtes Video gewartet. Hat das Musikvideo
an Wert verloren? Oder wird es einfach anders
eingesetzt? Bei HipHop-Videos wurde früher jedes
Markenlogo geblurrt. Heute sehe ich im BritneySpears-
Video groß Nokia. Trennt sich Musik wieder
von den Bildern?
Fritzsch: Kurzfristig als Prostituierte unterwegs,
aber dann wieder Ave Maria! In ein paar Jahren wird
auf allen Screens Internet stattfindenund dann zählt
nur noch Quality Content. Sogar Zwanzigjährige, die
mit YouTube aufgewachsen sind, wollen wieder den
Künstler sehen und nicht irgendeinen 15-jährigen,
der Playback imitiert. Daher glaube ich auch, dass
es die Chance gibt, dass die Bilder wieder zur Musik
finden.
Harder: Im HipHop-Segment hatten die SidoSachen
großen Einfluss aufdie Szene. Schulhof-Gelaber,
klar, aber wenn alle über ein Video reden, dann |