
Ex-Werber Conrad Fritzsch peilt mit
seinem Musik-Video-Kanal tape.tv
für
den Sommer den Break-even an
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Das Musikfernsehen
lebt - im Netz
Conrad Fritzsch, 39, fahrt einen
alten Benz und mag Musikvideos.
Man könnte sagen, dass die Zeit für beide,
für das Auto wie die Clips, abgelaufen
ist. Aber Fritzsch, ein kompakter
Vollbartträger mit auffalliger Brille und
schnellem Verstand, ist kein Nostalgiker.
Er denkt nach vorne, in die Zukunft
des Internets als Ort, wo man tatsächlich
Geld mit Inhalten verdienen kann. Er
bringt dabei die Musikindustrie und das
Internet zusammen. Das Netz muss sich
als Geschäftsmodell finden. Die Musiklabels
müssen sich neu erfinden. Sie
können voneinander profitieren. Wenn
es gut läuft.
Gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin
Stephanie Renner, 41, gründete
Fritzsch im vergangenen Jahr
tape.tv, einen "Kanal" für. Musikfernsehen
im Internet. IIWatching Musie"
lautet der Untertitel der Website.
Was die Zukunft des Musikvideos, also
seine Verbreitung über das Netz, sein
könnte, ist gleichzeitig ein Rückschritt.
Denn bevor TV-Sender wie MTV oder
Viva (die heute beide zum US-Konzern
Viacom gehören) mehr Web-Soaps und
Dating-Shows als Musik ausstrahlten,
war Musikfernsehen nur eine Abfolge
von Clips. Tape.tv greift dieses Konzept
wieder auf, unmoderiert. "Wir geben
dem Musikvideo endlich wieder eine
Heimat", sagt Fritzsch.
In einer Schleife werden zunächst aus
einem Vorrat von insgesamt 17.000 Musikvideos
die aktuellen Hits und redaktionell
ausgewählte Titel gespielt - in etwa
vergleichbar mit der Heavy Rotation bei MTV. Passt die Musik dem Nutzer,
kann er den Stream einfach laufen lassen.
Will er ein anderes Genre - Alternative,
Soul, Electro, etc. - kann er das entsprechend
anwählen und der Stream
verändert sich entsprechend. Über eine
Suchmaske kölmen auch gezielt bestimmte
Künstler der vier Major-Labels
EMI, Sony, Universal oder Warner gesucht
werden. Sind allerdings bestimmte
Independent-Musiker gefragt, hat
tape.tv auch mal Leerstellen im Archiv.
Im boomenden Segment der Anbieter
von Webvideos - ob Musik, Serien oder
Fiirne - hat sich das Streaming-Modell
gegen Download-Konzepte durchgesetzt. Streaming hat den Vorteil, das der
Nutzer sich nicht erst registrieren oder
Programme herunterladen muss, sondern
im Prinzip gleich drauflosschauen
kann. Das US-Videoportal Joost bot zunächst
eine Software zum Download an,
stellte dann aber wie der Konkurrent
Hulu auf Streaming um.
Auch tape.tv soll so einfach wie möglich
zu nutzen sein. Das Design der Seite
ist minimalistisch und zeigt das Video
vor einem schwarzen Hintergrund. Über
einen kleinen Kasten, der bei Bedarfaufklappt,
lässt sich die Seite navigieren.
"tape.tv ist nicht für Musiknerds, sondern
für die 99% der Leute. die Musik
lieben, aber keine Zeit haben, sich mit
ihr zu beschäftigen11, sagt Fritzsch. Er
schafft in der Woche rund 20 neue Videos,
die komplette Sichtung übernehmen
seine Angestellten - mittlerweile
arbeiten 12 fest angestellte Mitarbeiter
für tape.tv, dazu kommen einige Freie.
Stephanie Renner (nicht verwandt
mit dem Musikmanager Tim Renner) hatte
mit Fritzsch in dessen Werbeagentur
Fritzsch&Mackat gearbeitet. Mit seinem
Agenturpartner Alexander Mackat
entwickelte Fritzsch seit 1993 Kampagnen,
die vor allem die von der Werbung
oft vernachlässigten Zielgruppen in Ostdeutschland
ansprechen sollten. "Hurra,
ich lebe noch", texteten die beiden
Kreativen für Club Cola. Zur Referenzliste
gehören u.a. Freixenet, Köstrizer,
Persil und der MDR. Über die Zweiteilung
der Konsumwelt zwischen Ostund
Westdeutschland schrieb Mackat
gleich ein ganzes Buch: "Das Deutsch-Deutsche Geheimnis".
Conrad Fritzsch kam - ganz
klassisch - per Zufall in die
Werbung. In der DDR hatte er
Regie studiert und Ende der
80er den Jugendsender Elf 99
mit aufgebaut. Eine "crazy
Zeit" sei das gewesen, erinnert
sich Fritzsch. Heute ist er bei der Werbeagentur
nur noch Gesellschafter. Um
tape.tv aufzubauen, habe er alles flüssig
gemacht, was ging, darunter auch seine
Lebensversicherungen. Fritzsch weiß,
dass er nicht nur eine gute Geschäftsidee
braucht, sondern dazu eine gute Story,
möglichst authentisch dazu. "Entertainment
lag mir schon immer im Blut, ich
wollte immer Menschen unterhalten",
sagt Fritzsch, der schnell und präzise redet
und dabei trotzdem äußerst locker
wirkt L.lch hab grad 'nen Vortrag für
Jung von Matt geschrieben, darum hab'
ich das so gut druff').
Die ersten Videos aufYouTube hätten
ihn begeistert, sagt er heute. Doch klar
sei auch, dass das Internet vom EI Dorado
für Hobbyfilmer zum ..Entertainment-Kanal" werde und sich dabei zunehmend
professionalisiere. Der "Economist"
bemerkte neulich treffend, Werbekunden
würden User Generated Content
nicht mit der Kneifzange anfassen:
"Keine Marke will auch nur in der Nähe
davon sein." YouTube sei ein Phänomen,
aber eben kein Business Model.
Hier setzt die Idee von tape.tvan. Es geht
nicht um wacklige AmateUIvideos und
auch nicht um illegal ins Netz gestellten
Content, sondern um professionelle,
legale inhalte. Und die lassen sich vermarkten.
Es seien genau drei entscheidende
Kriterien, die darüber entscheiden,
ob etwas genutzt werde oder
nicht, sagt Fritzsch: Content, Device und
die Nutzungssituation.
Derzeit reist Fritzsch zu den Mediaagenturen
der Republik, um sein Projekt vorzustellen und Werbekunden zu gewinnen.
Es scheint ganz gut zu laufen,
denn im Juni oder Juli soll das Unternehmen
bereits den Break-even erreichen.
..Ich wollte ein Geschäftsmodell finden.
das funktioniert", sagt Fritzsch. Eine
starke Aussage, genau genommen. Das
abermillionenteure YouTube verdient
kaum Geld, und Mutter Google muss
viel Geld für die Serverkosten bezahlen.
und ein Start-Up aus Berlin-Weißensee
will nach weniger als einem Jahr in die
schwarzen Zahlen kommen?
Es soll so wenig Unterbrecherspots
geben wie möglich, wünscht sich der ExWerber
Fritzsch. Genauso wie Pre-Rolls
seien Unterbrecher schlicht "doof': "Es
ist nicht sinnvoll, Leute zu zwingen, sich
Werbung anzuschauen." Aberwie dann?
Die Idee: Indem sich bei ausgesuchten
Clips die Werbung um den Fiirn herum
aufbaut. ,,360 Motion Ad" nennt Fritzsch
das. Kunden wie die Telekom, Nike, Debitel
oder Deichmann bekommen so eine
Werbefläche, die möglichst auffallig
sein soll, ohne das Video zu stören - soweit
das möglich ist. Der Tausendkontaktpreis
liege derzeit bei 50 Euro, die
Unternehmen zahlten das gerne, denn
das Umfeld stimme. Rund 200.000
Unique Nutzer klicken derzeit im Monat
auf tape.IV, bleiben durchschnittlich eine
halbe Stunde und schauen sich 2 Mio.
Clips an.
Die Seite wird von Smartclip (Bewegtbild-Formate) und Platform-A (gehört
zu AOL) vermarktet. Deren Chef Harald
R. Fortmann schrieb in seinem Blog eine
kleine Hymne auf "die coolste Brille, die ich seit Langem gesehen habe":
"Tape.tv ist genau das,
was wir als integrativer und
innovativer Vermarkter brauchen
- weg von der Masse, hin
zur Klasse." Das Fernsehen sei
weiterhin gut, um Reichweite
aufzubauen, sagt dann auch
Fritzsch, doch mit klassischen
Werbekarnpagnen erreiche man viele
junge Wenigseher gar nicht mehr, weil
sie immer unregelmäßiger zur Fernbedienung
greifen. Anders sehe es da beim
lean-forward-Mediwn Internet aus.
Neben Werbung ist der User die zweite
Säule des Konzepts. Ein Shop soll in
Zukunft über Services wie den Verkauf
von MP3s, Konzertkarten oder Klingeltönen
für Mehreinnahmen sorgen. Eine
andere Variante soll künftig auch möglich sein. Wer bereitist, etwa 10 bis 15Euro
im Monat zu zahlen, bekommt tape.tv
werbefrei. Kooperationen mit anderen
Marken im Internet sind schließlich die
dritte Säule. Mit StudiVZ arbeitet man
bereits zusammen, Verhandlungen beispielsweise
mit AOL oder Yahoo laufen.
Die Websites der Zeitschriften "Musikexpress"
und "Metall Hammer" (beide
Axel Springer) binden tape.IV auf ihre
Websites ein - und verlängern laut
Fritzsch die Verweildauer der Nutzer auf
diesen Seiten enorm. Falls gewünscht,
könne man zu allen möglichen Themen
Videostreams zusammenstellen.
Freilich unterscheidet sich Musik von
anderen Medienformaten wie Serien
oder Filmen - in der Regel setzt man sich
nicht in einen Sessel, um Popmusik zu
hören, sondern bewegt sich dabei, durch
die Wohnung oder die Stadt. Hier wird
sich zeigen, ob tape.IV genug Kraft hat,
um Zuschauer für eine Weile zu binden.
Und natürlich gehört es zum Expansionsplan,
einmal eine mobile Version
von tape.tv anzubieten. Der Musiker John MeIlencamp geißelte
kürzlich in einem Essay den "Bilanzwahn der Erbsenzähleru in den Musikkonzernen.
Plattenfirmen hätten sich
von Vermittlern von Musik zu renditegetriebenen
Verwertungsmaschinen gewandelt.
Unter diesen Bedingungen
bleibe Künstlern kaum noch Zeit, sich zu
entwickeln. Fritzsch mag derweil nicht
in die Klagen über die Konzerne einstimmen
- das seien ja schließlich Partner.
Auf eine Kritik in einem Onlineforurn,
tape.tv sei ein reines Instrument der
Musikindustrie, entgegnet Fritzsch, sein
Unternehmen sei vielmehr ein "Instrument
der Künstler". Klar ist aber auch,
dass Medienkonzeme derzeit daran arbeiten,
den Sprung vom Fernsehen ins
Netz zu schaffen und damit auch noch
Geld zu verdienen. Diese Versuche werden
den Charakter des Internets verändern.
Eine potenzielle Bedrohung für die
junge Pflanze kommt von der Gema. Im
Fokus steht YouTube, das mit der Verwertungs-gesellschaft
über Kreuz liegt. Einige
Videos hat die Google-Tochter bereits gesperrt. Hintergrund, soweit sich
das sagen lässt: Die Gema fordert von
YouTube pro Stream eines Musikvideos
eine Summe, die je nach Angabe zwischen
einem und zwölf Cent liegt. Doch
das ist Mutter Google zu viel. International
sei ein Bruchteil, etwa 0,2 Cent, die
übliche Summe. Offenbar mag man der
Gema auch keinen Einblick geben, wie
häufig bestimmte Videos angeschaut
werden - diese Angaben benötigt die
Gesellschaft aber zur Berechnung der
Honorierung von Künstlern.
Fritzsch sagt, man stehe seit Sendestart
mit der Gema "in einem regen Austausch".
Und fügt, für seine sonst eher
schnoddrige Art eher diplomatisch, hinzu: "Beide Parteien sind daran interessiert,
ein passendes Tarifmodell zu finden."
Die Herausforderung sei, sich auf
ein Abrechnungsmodell zu einigen, das
den Künstler "adäquat" entiohne, gleichzeitig
aber auch unter "realen Bedingungen"
zu erwirtschaften sei. Ob das die
Quadratur des Kreises ist?
Ein wenig scheint es, als ob Fritzsch mit
einem möglichst coolen und smarten
Projekt den Beweis erbringen will, dass
im Internet Geld zu verdienen ist - wenn
man nur genau das ist: cool und smart.
Das verbindet tape.tv gewissermaßen
mit Google - beide Unternehmen leben
eigentlich von Inhalten, die andere erstellt
haben. Die Leistung ist, wenn es
schon die Urheber selber nicht schaffen,
diesen Inhalten genau das richtige
Publikum zu verschaffen. Ein schneller
Exit sei kein Thema; Fritzsch will möglichst
bald Nummer zwei hinter YouTube
bei den Anbietern von Musikvideos
in Deutschland werden. Die
Wettbewerber formieren sich jedoch. "Wenn Amazon oder iTunes oder ein
anderer Anbieter uns umbringen wollte,
könnte er das innerhalb von Wochen
tun", schätzt FrHzsch nüchtern ein. "Die
Frage ist nur, warum er es sollte. Die
könnten doch viel besser mit uns kooperieren."
Einmal Werber, immer
Werber. |