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  Kress vom 17.04.2009


Ex-Werber Conrad Fritzsch peilt mit
seinem Musik-Video-Kanal tape.tv
für den Sommer den Break-even an

Das Musikfernsehen lebt - im Netz

Conrad Fritzsch, 39, fahrt einen alten Benz und mag Musikvideos. Man könnte sagen, dass die Zeit für beide,
für das Auto wie die Clips, abgelaufen ist. Aber Fritzsch, ein kompakter Vollbartträger mit auffalliger Brille und schnellem Verstand, ist kein Nostalgiker. Er denkt nach vorne, in die Zukunft des Internets als Ort, wo man tatsächlich Geld mit Inhalten verdienen kann. Er bringt dabei die Musikindustrie und das Internet zusammen. Das Netz muss sich als Geschäftsmodell finden. Die Musiklabels müssen sich neu erfinden. Sie können voneinander profitieren. Wenn
es gut läuft.

Gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Stephanie Renner, 41, gründete Fritzsch im vergangenen Jahr tape.tv, einen "Kanal" für. Musikfernsehen im Internet. IIWatching Musie"
lautet der Untertitel der Website. Was die Zukunft des Musikvideos, also seine Verbreitung über das Netz, sein
könnte, ist gleichzeitig ein Rückschritt.

Denn bevor TV-Sender wie MTV oder Viva (die heute beide zum US-Konzern Viacom gehören) mehr Web-Soaps und Dating-Shows als Musik ausstrahlten, war Musikfernsehen nur eine Abfolge von Clips. Tape.tv greift dieses Konzept wieder auf, unmoderiert. "Wir geben dem Musikvideo endlich wieder eine
Heimat", sagt Fritzsch.

In einer Schleife werden zunächst aus einem Vorrat von insgesamt 17.000 Musikvideos die aktuellen Hits und redaktionell ausgewählte Titel gespielt - in etwa
vergleichbar mit der Heavy Rotation bei MTV. Passt die Musik dem Nutzer, kann er den Stream einfach laufen lassen.

Will er ein anderes Genre - Alternative, Soul, Electro, etc. - kann er das entsprechend anwählen und der Stream verändert sich entsprechend. Über eine Suchmaske kölmen auch gezielt bestimmte Künstler der vier Major-Labels EMI, Sony, Universal oder Warner gesucht werden. Sind allerdings bestimmte
Independent-Musiker gefragt, hat tape.tv auch mal Leerstellen im Archiv.

Im boomenden Segment der Anbieter von Webvideos - ob Musik, Serien oder Fiirne - hat sich das Streaming-Modell
gegen Download-Konzepte durchgesetzt. Streaming hat den Vorteil, das der Nutzer sich nicht erst registrieren oder
Programme herunterladen muss, sondern im Prinzip gleich drauflosschauen kann. Das US-Videoportal Joost bot zunächst
eine Software zum Download an, stellte dann aber wie der Konkurrent Hulu auf Streaming um.

Auch tape.tv soll so einfach wie möglich zu nutzen sein. Das Design der Seite ist minimalistisch und zeigt das Video
vor einem schwarzen Hintergrund. Über einen kleinen Kasten, der bei Bedarfaufklappt, lässt sich die Seite navigieren.
"tape.tv ist nicht für Musiknerds, sondern für die 99% der Leute. die Musik lieben, aber keine Zeit haben, sich mit ihr zu beschäftigen11, sagt Fritzsch. Er schafft in der Woche rund 20 neue Videos, die komplette Sichtung übernehmen
seine Angestellten - mittlerweile arbeiten 12 fest angestellte Mitarbeiter für tape.tv, dazu kommen einige Freie.

Stephanie Renner (nicht verwandt mit dem Musikmanager Tim Renner) hatte mit Fritzsch in dessen Werbeagentur
Fritzsch&Mackat gearbeitet. Mit seinem Agenturpartner Alexander Mackat entwickelte Fritzsch seit 1993 Kampagnen,
die vor allem die von der Werbung oft vernachlässigten Zielgruppen in Ostdeutschland ansprechen sollten. "Hurra,
ich lebe noch", texteten die beiden Kreativen für Club Cola. Zur Referenzliste gehören u.a. Freixenet, Köstrizer, Persil und der MDR. Über die Zweiteilung der Konsumwelt zwischen Ostund
Westdeutschland schrieb Mackat gleich ein ganzes Buch: "Das Deutsch-Deutsche Geheimnis".

Conrad Fritzsch kam - ganz klassisch - per Zufall in die
Werbung. In der DDR hatte er Regie studiert und Ende der
80er den Jugendsender Elf 99 mit aufgebaut. Eine "crazy
Zeit" sei das gewesen, erinnert sich Fritzsch. Heute ist er bei der Werbeagentur nur noch Gesellschafter. Um tape.tv aufzubauen, habe er alles flüssig gemacht, was ging, darunter auch seine Lebensversicherungen. Fritzsch weiß, dass er nicht nur eine gute Geschäftsidee braucht, sondern dazu eine gute Story, möglichst authentisch dazu. "Entertainment lag mir schon immer im Blut, ich wollte immer Menschen unterhalten",
sagt Fritzsch, der schnell und präzise redet und dabei trotzdem äußerst locker wirkt L.lch hab grad 'nen Vortrag für Jung von Matt geschrieben, darum hab' ich das so gut druff').

Die ersten Videos aufYouTube hätten ihn begeistert, sagt er heute. Doch klar sei auch, dass das Internet vom EI Dorado
für Hobbyfilmer zum ..Entertainment-Kanal" werde und sich dabei zunehmend professionalisiere. Der "Economist"
bemerkte neulich treffend, Werbekunden würden User Generated Content nicht mit der Kneifzange anfassen:
"Keine Marke will auch nur in der Nähe davon sein." YouTube sei ein Phänomen, aber eben kein Business Model.

Hier setzt die Idee von tape.tvan. Es geht nicht um wacklige AmateUIvideos und auch nicht um illegal ins Netz gestellten
Content, sondern um professionelle, legale inhalte. Und die lassen sich vermarkten. Es seien genau drei entscheidende
Kriterien, die darüber entscheiden, ob etwas genutzt werde oder nicht, sagt Fritzsch: Content, Device und die Nutzungssituation.

Derzeit reist Fritzsch zu den Mediaagenturen der Republik, um sein Projekt vorzustellen und Werbekunden zu gewinnen.

Es scheint ganz gut zu laufen, denn im Juni oder Juli soll das Unternehmen bereits den Break-even erreichen.
..Ich wollte ein Geschäftsmodell finden. das funktioniert", sagt Fritzsch. Eine starke Aussage, genau genommen. Das
abermillionenteure YouTube verdient kaum Geld, und Mutter Google muss viel Geld für die Serverkosten bezahlen.
und ein Start-Up aus Berlin-Weißensee will nach weniger als einem Jahr in die schwarzen Zahlen kommen?

Es soll so wenig Unterbrecherspots geben wie möglich, wünscht sich der ExWerber Fritzsch. Genauso wie Pre-Rolls seien Unterbrecher schlicht "doof': "Es ist nicht sinnvoll, Leute zu zwingen, sich Werbung anzuschauen." Aberwie dann?
Die Idee: Indem sich bei ausgesuchten Clips die Werbung um den Fiirn herum aufbaut. ,,360 Motion Ad" nennt Fritzsch
das. Kunden wie die Telekom, Nike, Debitel oder Deichmann bekommen so eine Werbefläche, die möglichst auffallig
sein soll, ohne das Video zu stören - soweit das möglich ist. Der Tausendkontaktpreis liege derzeit bei 50 Euro, die
Unternehmen zahlten das gerne, denn das Umfeld stimme. Rund 200.000 Unique Nutzer klicken derzeit im Monat auf tape.IV, bleiben durchschnittlich eine halbe Stunde und schauen sich 2 Mio. Clips an.

Die Seite wird von Smartclip (Bewegtbild-Formate) und Platform-A (gehört zu AOL) vermarktet. Deren Chef Harald R. Fortmann schrieb in seinem Blog eine kleine Hymne auf "die coolste Brille, die ich seit Langem gesehen habe": "Tape.tv ist genau das,
was wir als integrativer und innovativer Vermarkter brauchen
- weg von der Masse, hin zur Klasse." Das Fernsehen sei
weiterhin gut, um Reichweite aufzubauen, sagt dann auch
Fritzsch, doch mit klassischen Werbekarnpagnen erreiche man viele junge Wenigseher gar nicht mehr, weil sie immer unregelmäßiger zur Fernbedienung greifen. Anders sehe es da beim lean-forward-Mediwn Internet aus.

Neben Werbung ist der User die zweite Säule des Konzepts. Ein Shop soll in Zukunft über Services wie den Verkauf von MP3s, Konzertkarten oder Klingeltönen für Mehreinnahmen sorgen. Eine andere Variante soll künftig auch möglich sein. Wer bereitist, etwa 10 bis 15Euro im Monat zu zahlen, bekommt tape.tv werbefrei. Kooperationen mit anderen Marken im Internet sind schließlich die dritte Säule. Mit StudiVZ arbeitet man bereits zusammen, Verhandlungen beispielsweise mit AOL oder Yahoo laufen.

Die Websites der Zeitschriften "Musikexpress" und "Metall Hammer" (beide Axel Springer) binden tape.IV auf ihre
Websites ein - und verlängern laut Fritzsch die Verweildauer der Nutzer auf diesen Seiten enorm. Falls gewünscht, könne man zu allen möglichen Themen Videostreams zusammenstellen.
Freilich unterscheidet sich Musik von anderen Medienformaten wie Serien oder Filmen - in der Regel setzt man sich nicht in einen Sessel, um Popmusik zu hören, sondern bewegt sich dabei, durch die Wohnung oder die Stadt. Hier wird
sich zeigen, ob tape.IV genug Kraft hat, um Zuschauer für eine Weile zu binden. Und natürlich gehört es zum Expansionsplan,
einmal eine mobile Version von tape.tv anzubieten. Der Musiker John MeIlencamp geißelte kürzlich in einem Essay den "Bilanzwahn der Erbsenzähleru in den Musikkonzernen.

Plattenfirmen hätten sich von Vermittlern von Musik zu renditegetriebenen Verwertungsmaschinen gewandelt.
Unter diesen Bedingungen bleibe Künstlern kaum noch Zeit, sich zu entwickeln. Fritzsch mag derweil nicht in die Klagen über die Konzerne einstimmen - das seien ja schließlich Partner.

Auf eine Kritik in einem Onlineforurn, tape.tv sei ein reines Instrument der Musikindustrie, entgegnet Fritzsch, sein
Unternehmen sei vielmehr ein "Instrument der Künstler". Klar ist aber auch, dass Medienkonzeme derzeit daran arbeiten,
den Sprung vom Fernsehen ins Netz zu schaffen und damit auch noch Geld zu verdienen. Diese Versuche werden den Charakter des Internets verändern.

Eine potenzielle Bedrohung für die junge Pflanze kommt von der Gema. Im Fokus steht YouTube, das mit der Verwertungs-gesellschaft über Kreuz liegt. Einige Videos hat die Google-Tochter bereits gesperrt. Hintergrund, soweit sich das sagen lässt: Die Gema fordert von YouTube pro Stream eines Musikvideos eine Summe, die je nach Angabe zwischen einem und zwölf Cent liegt. Doch das ist Mutter Google zu viel. International sei ein Bruchteil, etwa 0,2 Cent, die übliche Summe. Offenbar mag man der Gema auch keinen Einblick geben, wie häufig bestimmte Videos angeschaut werden - diese Angaben benötigt die Gesellschaft aber zur Berechnung der Honorierung von Künstlern.

Fritzsch sagt, man stehe seit Sendestart mit der Gema "in einem regen Austausch". Und fügt, für seine sonst eher schnoddrige Art eher diplomatisch, hinzu: "Beide Parteien sind daran interessiert, ein passendes Tarifmodell zu finden." Die Herausforderung sei, sich auf ein Abrechnungsmodell zu einigen, das den Künstler "adäquat" entiohne, gleichzeitig aber auch unter "realen Bedingungen" zu erwirtschaften sei. Ob das die
Quadratur des Kreises ist?

Ein wenig scheint es, als ob Fritzsch mit einem möglichst coolen und smarten Projekt den Beweis erbringen will, dass im Internet Geld zu verdienen ist - wenn man nur genau das ist: cool und smart. Das verbindet tape.tv gewissermaßen mit Google - beide Unternehmen leben eigentlich von Inhalten, die andere erstellt
haben. Die Leistung ist, wenn es schon die Urheber selber nicht schaffen, diesen Inhalten genau das richtige Publikum zu verschaffen. Ein schneller Exit sei kein Thema; Fritzsch will möglichst bald Nummer zwei hinter YouTube bei den Anbietern von Musikvideos in Deutschland werden. Die Wettbewerber formieren sich jedoch. "Wenn Amazon oder iTunes oder ein
anderer Anbieter uns umbringen wollte, könnte er das innerhalb von Wochen tun", schätzt FrHzsch nüchtern ein. "Die Frage ist nur, warum er es sollte. Die könnten doch viel besser mit uns kooperieren." Einmal Werber, immer Werber.

   
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