
Vom Werbestar zum
Internetunternehmer:
Conrad Fritzsch
macht den
Musiksendern
MTV und
Viva Konkurrenz |
KREATIVE ZERSTÖRER DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT TEIL 40: CONRAD FRITZSCH
Mr Music
Musikclips sehen sich viele Nutzer heute im Internet an. Auf Tape.tv kann sich jeder sein eigenes Programm basteln.
Conrad Fritzsch hat als Erster in Deutschland eine Musikplattform entwickelt, die auch Gewinne verspricht
ist nicht die erste
Adresse für junge Firmen
in Berlin. Langhansstraße
86. „Das ist in Weißensee“,
erklärt Conrad Fritzsch am
Telefon. Berlins nördlicher
Osten. Die Jambas, Pixelparks,
Alandos, die Werbeagenturen
und Designfirmen,
sie alle haben sich in
Industrielofts an der Spree
in Kreuzberg oder am Prenzlauer Berg niedergelassen.
Aber wer zieht denn nach Weißensee?
Durch die hohen Fenster seines Büros in
einem alten Fabrikgebäude sieht Fritzsch auf
die heruntergewirtschafteten Reste von
Gründerzeithäusern. Dazwischen sind kleinbürgerliche
Idyllen mit grünen Innenhöfen
entstanden. Eine Familienwohngegend. Von
hier aus will Fritzsch die Sehgewohnheiten
der jungen Zuschauer verändern – mit Tape.
tv, einem Internetmusiksender für die
Online-Generation.
Als Conrad Fritzsch, 39, und seine Geschäftspartnerin
Stephanie Renner, 41, ihr
Unternehmen 2008 gründen, sind viele Experten
begeistert: Da entstehe ein neues
MTV, heißt es. Dem Onlinefernsehen gehöre
die Zukunft, gerade im Bereich Musik. „Der
Trend geht ganz klar ins Internet, die Nachfrage
der Nutzer nach Musik ist riesig“, sagt
Ramin Goltchin Far, Head of Product Management & Technology, MTV Networks
North.
So ist auch auf dem weltgrößten Videoportal
Youtube der Boom der verwackelten Privatclips
längst abgeebbt. Unter den zehn
meistgeklickten Videos 2008 waren acht Musikvideos.
In Branchenkreisen heißt es schon
seit Monaten, die großen Musikkonzerne
wollen ein gemeinsames Onlineangebot aufbauen.
Außer Ankündigungen ist bisher aber
nicht viel passiert. „Wir nehmen an einem
Rennen teil, in dem 90 Prozent der Läufer den
Startschuss noch nicht gehört haben“, sagt
Fritzsch. Während so mancher Medienkonzern
noch in den Startblöcken verharrt, ist er
einfach losgelaufen. „Der Markt für Musikfernsehen
im Netz ist noch in Bewegung und
lange nicht verteilt“, sagt Goltchin Far von
MTV.
Tape.tv gehört – sechs Monate nach seinem
Start – mit monatlich rund zwei Millionen abgerufenen
Clips zu den größten deutschen
Musikanbietern im Netz. Vor allem ist
Fritzsch der Erste, der ein Geschäftsmodell
für Musikvideos entwickelt hat, das auch Gewinne
einbringen könnte – Youtube ist das
bis heute nicht gelungen. „Die Frage ist bei
allen Angeboten im Internet: Wie monetarisiert
sich das“, bestätigt Goltchin Far.
Fritzsch kooperiert mit allen vier Major-
Labels – Sony, EMI, Universal und Warner. Er
zahlt ihnen Lizenzgebühren und darf die
Clips ihrer Künstler damit legal senden. Vermarktet
wird Tape.tv von Platform-A, einer
AOL-Tochter. Das Interesse der Werbekunden
an dem Musikkanal sei groß, sagt Harald
Fortmann von Platform-A.
Dabei sieht es lange so aus, als hätte das
Musikfernsehen abgewirtschaftet. Die Mainstreamkanäle
MTV und Viva sind in die Jahre
gekommen. Spätestens nach der dritten Unterbrecherwerbung
für den neuesten Crazy-
Frog-Klingelton schalten viele ab. Auch bei
den Internetangeboten der beiden Kanäle
klingelt und leuchtet es, gehen die Musikvideos
zwischen Nachrichten über Stars und
Downloads unter. Tape.tv kommt dagegen
minimalistisch daher: Vor einem schwarzen
Hintergrund laufen aktuelle Videos. Ohne
Werbepause. Stattdessen wirbt ein Handyhersteller
rund ums Videofenster.
Was Tape.tv vom Fernsehen aber grundlegend
unterscheidet, ist, dass sich Pop, Hardrock,
Techno oder andere Genres nach Geschmack
als Musik-Schleifen abrufen lassen.
Über eine Titel- und Interpretensuche kann
sich jeder Zuschauer sein eigenes Programm
aus 17 000 Videos zusammenstellen. Und
jede Woche kommen 60 hinzu. „Das ist personalisiertes
Musikfernsehen“, sagt Fritzsch.
Zum Musik-TV-Pionier wurde er eher aus
Zufall. Der gebürtige Ostberliner spielte als
Schüler in einer Pop- und Jazzband, später
gründete er zusammen mit einem Partner
die Werbeagentur Fritzsch & Mackat. Legendäre
Kampagnen entstanden: Mit „bunten
Socken“ machte Fritzsch das Waschmittel
Persil im Osten bekannt – und persiflierte damit
die „Rote Socken“-Kampagne des Kanzlers
Helmut Kohl im Bundestagswahlkampf.
Für die Ost-Zigarettenmarke Cabinet ließ er
Nackedeis in einen Brandenburger See springen.
Der Erfolg der Werbejungstars aus dem
Osten war so groß, dass der „Spiegel“ ihnen
1999 eine eigene Geschichte widmete. Ihr
Titel: „Dolmetscher der Träume“.
So hätte es eigentlich weitergehen können.
Er habe in einer „Werbeagentur vom Feinsten“
gesessen, erzählt Fritzsch, während er
auf dem quietschenden Holzbohlenboden
seines Weißenseer Bürolofts auf und ab spaziert.
Er sieht dabei eher wie ein Professor
aus, nicht wie ein Web-Pionier. Über seinen
kugeligen Bauchansatz spannt sich ein dunkelgrauer
Wollpullover. Nur für Fototermine
holt er ein Hemd aus dem Schrank und bindet
sich einen Schlips um den Hals, er hat nur
einen aus schwarzem Leder.
Mit großen Gesten erzählt er, wie eine Werbekampagne
ihn auf die Geschäftsidee für
Tape.tv brachte. Popsänger sollten damals
Opern schmettern und damit für einen Markenartikler
werben. 1,2 Mio. € standen für
das Projekt bereit. Es scheiterte nicht am
Geld, sondern an den Sendemöglichkeiten.
Die vollständigen Arien wollte Fritzsch bei
MTV senden lassen. „Aber die sagten uns, das
würde nicht ins Programm passen“, erinnert
er sich. Dann sollten die einzelnen Musikvideos
wenigstens irgendwo im Internet zu
sehen sein. „Das ging aber nicht. Bei Youtube
war die Bildqualität zu schlecht.“
Eine Marktlücke. Fritzsch zieht sich mit
seiner langjährigen Angestellten Stephanie
Renner zurück, um sie zu füllen. Sie tagen in
einem „leeren Raum, nur mit einem Blatt Papier
vor sich und vielen Ideen“. Nach zwei
Tagen kommen sie mit einem eng beschriebenen
Blatt aus dem Konferenzsaal und kratzen
für den Start ihres Internetmusikkanals
alles Geld zusammen, das sie haben. „Ich
habe selbst meine Lebensversicherungen
gekündigt“, sagt Fritzsch.
Was dann folgt, überrascht den erfolgsverwöhnten
Werber: Tape.tv geht im Juli 2008
auf Sendung, kurz danach muss er schon
ständig neue Internetmedienserver dazumieten,
so groß ist der Ansturm auf die Website.
Fachmagazine wie „Musik Express“ und
„Metal Hammer“ binden den Kanal in ihre
eigenen Onlineportale ein. Anders als die
Plattform Youtube, auf der auch viele von
Nutzern abgefilmte Videos landen, setzt
Fritzsch von Anfang an auf Professionalität.
Im Oktober besucht er seine früheren Kollegen
auf einem Werberkongress in Berlin
und trifft dort auf Harald Fortmann, den
Deutschland-Geschäftsführer des nlineanzeigenvermarkters
Platform-A. „Bei mir stellen
sich viele Gründer
mit ihren Ideen vor“,
sagt Fortmann. „Meistens
kriege ich sofort
das Grausen. Aber bei
Tape.tv hat es zum ersten
Mal nach langer Zeit
richtig gekribbelt.“ Das
Berliner Startup liefere „Werbeformate, die
komplett von der Norm abweichen“, und sei
damit für die Agenturen, die die großen Werbebudgets
verwalten, hochinteressant.
Um die Videos herum werden passgenau
Anzeigen platziert. Fans, die sich Britney
Spears ansehen, können mit einem Klick den
passenden Jamba-Klingelton laden, Karten
für das nächste Spears-Konzert bei Eventim
reservieren oder das Album bei Amazon bestellen.
Diese Möglichkeiten unterscheiden
Tape.tv von anderen Internetplattformen,
Anzeigenexperten sehen gute Chancen, dass
die Seite Gewinne erwirtschaften kann. „Wir
wollten nie ein Startup gründen, um möglichst
viele Nutzer auf unsere Plattform zu bekommen“,
sagt Fritzsch, „sondern ein Geschäftsmodell
entwickeln.“
Bisher zählt Tape.tv 200 000 regelm
äßige
Nutzer. Ab Mitte Februar wird der Musikkanal
mit dem Netzwerk StudiVZ des Holtzbrinck-
Konzerns kooperieren und damit
Millionen potenzielle Kunden ansprechen.
Die StudiVZ-Mitglieder könnten sich die Videos
anschauen und sofort darüber diskutieren.
„Die perfekte Integration von Bewegtbild
und Community“, sagt Anzeigenvermarkter
Fortmann. Der Test soll 60 Tage laufen. Dass
danach Schluss ist, glauben weder Fortmann
noch Fritzsch.
Die Fabriketage in Berlin-Weißensee wird
langsam zu klein. Inzwischen beschäftigt
Tape.tv 28 Mitarbeiter, davon sind zwölf fest
angestellt. Weitere Mitarbeiter werden dringend
gesucht. Conrad Fritzsch rekrutiert für
die erste Abwehrschlacht. Er erwartet einen
Angriff von Google. Kaum vorstellbar, dass
der Eigentümer der Videoplattform Youtube
tatenlos zusieht, wie ihm Tape.tv das Publikum
für die populären Musikclips abluchst.
Deshalb sucht Fritzsch jetzt nach Verbündeten.
Damit die Zukunftsmusik weiter auf seiner
Seite spielt. |